[ « 495 496 497 498 499 » ]
Sonntag, 13. Februar 2005 16:40
Von der endlosen Langweiligkeit der Häresie
Der christliche Hirte hütet keine lahmen Schafe, sondern eine Horde von Stieren und Tigern, einen Haufen furchterregender Gedanken und gefräßiger Dogmen, von denen ein einziges stark genug ist, um zu einer falschen Religion auszuarten und die Erde zu verwüsten. Von Gilbert Keith Chesterton.
(kreuz.net) Es scheint, daß in der Theologie fürchterliche Kriege um winzige Fragen geführt werden. Man denke an die vielen, von einer Geste oder einem Wort verursachten theologischen Erdbeben. Dabei ging es oft nur um einen Zentimeter. Aber ein Zentimeter ist entscheidend, wenn man die Balance halten muß.

Wenn man zuläßt, daß ein theologischer Gedanke zu schwach wird, dann macht man gleichzeitig einen anderen zu stark. Der christliche Hirte hütet keine Schafherde, sondern eine Horde Stiere und Tiger, einen Haufen furchterregender Gedanken und gefräßiger Dogmen, von denen jedes stark genug gewesen wäre, um zu einer falschen Religion auszuarten und die Erde zu verwüsten.

Die Zeugung durch den Heiligen Geist, der Tod des göttlichen Sohnes, die Vergebung der Sünden, die Erfüllung der Prophezeiungen – das sind theologische Gedanken, die beim geringsten Antasten gotteslästerlich und grausam werden können.

Der geringste Fehler in den Dogmen hat die schlimmsten Folgen für das Glück der Menschen.

Ein falsch formulierter Lehrsatz über die Bedeutung der christlichen Symbolik hätte um ein Haar die schönsten Statuen Europas zum Einsturz gebracht. Ein kleines Versehen bei einer Glaubensdefinition hätte die Tänzer zum Stillstand verdammt. Es wäre in der Lage gewesen, alle Weinnachtsbäume verdorren zu lassen und alle Ostereier in tausend Stücke zu hauen.

Die Dogmen mußten in engen Grenzen definiert werden, damit sich der Mensch der menschlichen Freiheiten erfreuen konnte. Die Kirche mußte sorgsam sein, damit die Welt sorglos sein konnte.

Wenn wir den Armen Schutz gewähren wollen, müssen wir vor allem zwei klare Dogmen verteidigen: Bei jedem Verein kommt die Durchsetzung der Regeln den armen Mitgliedern zugute, während es dem reichen Mitglied nützt, wenn man die Dinge treiben läßt.

Das ist das fesselnde Abenteuer der Rechtgläubigkeit. Viele Menschen sind der albernen Ansicht aufgesessen, die Rechtgläubigkeit für etwas Schwerfälliges, Langweiliges und Gefahrloses zu halten. Aber nie gab es etwas Riskanteres und Packenderes als sie.

Sie ist der gesunde Menschenverstand. Bei Verstand zu sein, ist viel aufregender, als in den Händen des Wahnsinns zu schmoren.

Die Rechtgläubigkeit ist das Gleichgewicht eines Wagenlenkers, der von wild galoppierenden Pferden geschüttelt wird und sich hin und her beugt, aber dennoch in jeder Lage die Anmut der Statue und die Genauigkeit der Arithmetik bewahrt.

In der Anfangszeit geriet die Kirche bei jedem angreifenden Schlachtroß mächtig durcheinander. Dennoch ist es unhistorisch zu behaupten, die Kirche sei in dieser Zeit nur von einem einzigen Gedanken besessen gewesen, wie etwa der gewöhnliche Fanatismus.

Die Kirche schwenkte nach links und rechts aus, als wollte sie gewaltigen Hindernissen ausweichen. Sie machte einen Bogen um den Riesenleib des Arianismus, weil er das Christentum zu sehr verweltlichen wollte. Im nächsten Augenblick kurvte sie um den Orientalismus, weil er die Kirche zu sehr entweltlicht hätte.

Nie ging die rechtgläubige Kirche den einfachen Weg. Nie beugte sie sich den Konventionen. Nie war sie wohlanständig. Es wäre leichter gewesen, die irdische Macht der Arianer zu akzeptieren. Es wäre leicht gewesen, im kalvinistischen 17. Jahrhundert in die bodenlose Grube der Prädestination zu fallen.

Es ist leicht, ein Verrückter, und einfach, ein Häretiker zu sein. Es ist immer leicht, einer Zeitepoche ihren Kopf zu lassen. Schwer ist es, den eigenen Kopf zu bewahren. Es ist immer leicht, ein Modernist zu sein. Es wäre einfach gewesen, in die eine oder andere dieser offenen Fallgruben des Irrtums und der Übertreibung zu stürzen, mit denen alle Moden und Sekten den Weg der Christenheit gesäumt haben.

Fallen ist immer einfach. Es gibt unzählige Orte, wo man fallen kann, aber nur einen, wo man steht. In eine der vielen Moden – von der Gnosis bis zur „Christlichen Wissenschaft“ – zu fallen, wäre naheliegend und gefahrlos gewesen.

Aber die Fallgruben zu umgehen, war ein einziges Abenteuer. So sehe ich jetzt den himmlischen Streitwagen der Kirche mit Donnern durch die Zeiten stürmen.

Während die kraftlosen Ketzereien am Boden hingestreckt liegen, steht die ungestüme Wahrheit – schwankend, aber aufrecht.
2 Lesermeinungen:
Mittwoch, 23. März 2005 00:23
methusalix †: Krieg um die Wahrheit
Das war und ist leider noch immer, ein ganz schön blutiger Krieg, der auch sehr viele vollkommen unschuldige Männer und Frauen niedergemetzelt hat.

Oft habe ich den Verdacht, dass es weniger um Wahrheit, denn um Macht geht; vor allem um Macht über Frauen.

Weniger Krieg, mehr Überzeugungsarbeit und vor allem VORBILD kommt den Absichten unseres Stifters sicher näher.

Gesegnetes Auferstehungsfest Christi
wünscht allen
mehusalix
Sonntag, 13. Februar 2005 23:37
1+1=7: Jaa!!
:)
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen sowie Leser aus der Debatte auszuschließen.
Copyright © 2008 kreuz.net